Regionalgeschichte lehrt uns, den Blick zu schärfen für das Konkrete, das Verortete, das Spezifische. Sie erinnert daran, dass Geschichte nicht im Abstrakten stattfindet, sondern immer irgendwo - in einem Tal, an einer Küste, in einem Ballungsraum. Und sie zeigt, dass dieses Irgendwo selten zufällig ist.
Was eine Region historiografisch interessant macht, ist häufig gerade ihre Funktion als Verdichtungspunkt. Das Ruhrgebiet etwa war im 19. und frühen 20. Jahrhundert kein bloßer Ort der Industrialisierung - es war ihr europäisches Epizentrum. Kohle und Stahl, Zuwanderung aus Polen und Irland, Arbeiterbewegung und Schwerindustrie, Strukturwandel und Zechenschließungen: Kaum eine andere Region Europas lässt die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen der Moderne so greifbar werden (siehe Vergleich zur Industrialisierung in Japan).
Und Ähnliches gilt für das Silicon Valley, das im 20. Jahrhundert zur Keimzelle der digitalen Revolution wurde - nicht zufällig, sondern durch das Zusammenspiel von Universitäten, Risikokapital, militärischer Forschungsförderung und einer spezifischen Migrationskultur, die Talent aus aller Welt anzog.
Andere Regionen sind weniger durch ihr Innenleben als durch ihre geografische Lage bedeutsam geworden. Die Straße von Hormus, jene schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Arabischen Meer, ist seit der Antike eine der strategisch sensibelsten Passagen der Welt. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Fluss von Handelsgütern, heute vor allem Erdöl - und damit ein Stück Weltpolitik. Solche Nadelöhre der Geschichte, ob Meerengen, Gebirgspässe oder Flussfurten, zeigen, wie sehr Geografie das historische Geschehen strukturiert.
Wieder andere Regionen treten erst durch ihre wirtschaftliche Vernetzung als historische Einheit hervor. Die sogenannte Blaue Banane - jener geschwungene Städtekorridor von Nord-England über die Rheinschiene bis nach Norditalien - ist keine politische Region, sondern eine wirtschaftsgeografische Konstruktion. Und doch beschreibt sie etwas Reales: eine Zone verdichteter Bevölkerung, Produktion und Infrastruktur, die sich über Jahrhunderte als Rückgrat der europäischen Wirtschaft herausgebildet hat.
Schließlich gibt es Regionen, deren historische Bedeutung buchstäblich unter der Erde liegt. Die Mittelgebirge Mitteleuropas - Erzgebirge, Harz, Siegerland - waren über Jahrhunderte Zentren des Bergbaus und der Metallverarbeitung. Silber aus dem Erzgebirge finanzierte sächsische Kurfürsten und beeinflusste die europäische Geldwirtschaft; Eisenerz aus dem Siegerland bildete die Grundlage für eine frühe protoindustrielle Wirtschaft. Was heute als stille Waldlandschaft erscheint, war einst Hochindustriegebiet - ein Befund, der exemplarisch zeigt, wie sehr sich historische Bedeutsamkeit und gegenwärtige Wahrnehmung einer Region unterscheiden können.